(Bastei Lübbe 2025)
Um das Jahr 2500 v. Chr. Auf der großen Ebene leben drei Völker: das Hirtenvolk, das Bauernvolk und das Waldvolk, die aufgrund ihrer Lebensweise unterschiedliche Kulturen ausgebildet haben. Was sie eint, ist das Heiligtum im Hirtenort Riverbend (ja, aus unerfindlichen Gründen wurden die Ortsnamen wie auch Farmplace und Old Oak in der deutschen Ausgabe nicht übersetzt, Westwald und Ostwald etc. aber schon …), das aus mehreren Kreisen aufgestellter Holzsäulen besteht. Zu wichtigen Festen trifft man sich hier und beobachtet die Priesterinnen bei ihren aus Tänzen und Gesängen bestehenden Ritualen, mit denen sie die Zeit einteilen und das Jahr strukturieren. Joia ist eine Priesterin mit Ambitionen, die den Kreis gerne mit riesigen Steinen neu aufbauen möchte. Ihr zur Seite steht ihr Schwager Seft, der die dazu nötigen innovativen Ideen hat. Aber werden sie es wirklich schaffen, trotz Zwistigkeiten zwischen den Völkern und einer großen Dürre das aufzubauen, was heute als Stonehenge bekannt ist …?
Spoiler alert: Ja. 😁
Ich hatte tatsächlich noch nichts von Ken Follett gelesen, nur mal die ersten Seiten der „Säulen der Erde“, kam damals aber nicht so wirklich rein. Diesmal ging es mir anfangs ähnlich, ich habe zuerst vermutet, dass der gute Mann seine Protagonisten nicht ganz ernst nimmt, weil sie ja nur „Primitive“ sind und deshalb eine so dröge, einfache Sprache verwendet – aber nee, wie ich dann herausfand, ist das wohl der gepriesene Stil des Autors, der ihm zu Weltruhm verholfen hat. Da guck.
Nach einer Weile hatte ich mich dann auch einigermaßen eingelesen und wollte vor allem wissen, wie es weitergeht, so dass ich das Buch nicht abgebrochen, sondern durchaus mit Spaß durchgelesen habe. Aber es wird nicht im Geringsten nachhallen. Es ist jetzt glaube ich eine oder anderthalb Wochen her, dass ich das Buch beendet habe, und schon jetzt verschwindet die Geschichte im Nebel.
Das liegt hauptsächlich auch daran, dass nicht nur die Sprache einfach und platt war, sondern auch die Handlung so dahinplätscherte. Nicht, dass es keine spannenden Szenen gab, aber die wirkten etwas willkürlich aneinandergereiht. Und der eigentliche große Hauptplot, nämlich die Geschichte, wie Stonehenge erbaut wurde, fand in wenigen verstreuten Szenen statt und wurde erst zum Ende hin richtig relevant. Dazwischen war viel Beziehungsgedöns und pöhse Figuren, die pöhse Dinge taten und Kriege provozierten – aber auch diese Seitenstränge waren eher episodenhaft und hatten keinen richtigen Spannungsbogen, der sich mit den anderen Ereignissen wirklich sinnvoll verwoben hätte. Jetzt kann man natürlich sagen: Das ist nun mal das echte Leben, da passiert viel nebeneinander her und nicht alles hängt zusammen, aber … in einem Roman habe ich das doch lieber. Seitenhandlungen sind wunderbar, aber nur, wenn die Haupthandlung erkennbar bleibt, und das tat sie hier nicht. Es ist mir mehrfach so gegangen, dass plötzlich wieder mal eine Szene mit Joia und Seft rund um den Bau des Steinkreises kam und ich erst mal nach der vorigen suchen musste, um zu verstehen, worum es da jetzt ging, weil die schon fünfzig Seiten oder mehr her war.
Dazu kam, dass es komplett an Emotionalität und Empathie fehlte. Es gibt zwar POV-Charaktere, aber die bleiben irgendwie distanziert. Man beobachtet sie mehr, als dass man wirklich an ihrer Gedanken- und Gefühlswelt teil hat. Und selbst wirklich dramatische Ereignisse werden fast schon objektiv abgehandelt – da stirbt z.B. ein POV-Charakter, den man eine ganze Weile begleitet hat, innerhalb von gerade mal anderthalb Seiten sang- und klanglos an einer Kriegsverletzung, ohne dass man da irgendwie mitgeht. Hupsi, jetzt isser tot, na gut, vielleicht begleiten wir jetzt seine Frau oder so. Weiter im Text.
Auch an Szenenbeschreibungen mangelte es meiner Meinung nach – besonders eindrücklich war die Szene, die so anfing: „Der Ostfluss führte noch Wasser, aber nur sehr wenig. Seft war gemeinsam mit Tem hergekommen, um ihn in Augenschein zu nehmen.“ Dann folgt einiges an Infos, was in der Zwischenzeit so passiert ist, im Plusquamperfekt, weil Follett offenbar auch sehr gerne lieber nicht der Maxime „Show, don’t tell“ folgt und außerdem etliche Zeitsprünge macht, die zumindest ich als Leserin nicht immer sofort mitbekommen habe, sondern erst nach einer Weile erschließen konnte, dass wohl eine gewisse Zeit vergangen war – wie viel, wissen wir eh nicht, weil die Figuren bis auf die Priesterinnen alle nur bis zwanzig zählen können. Die Priesterinnen können mehr, weil sie dafür durch den Stein- bzw. Holzkreis tanzen und auch Begriffe für die Zahlen haben. Interessanterweise bringt Joia das bereitwillig allen bei, die es lernen wollen, trotzdem sind die Zahlen das große magische Geheimwissen, das die Priesterinnen hüten und weitergeben. Ja. OK. Das nur am Rande. Nach diesem erzählten Status Quo kriegen wir jedenfalls plötzlich das hier vorgesetzt: „‚Wir müssen die Ufer neu befestigen‘, sagte Tem. (…) Seft hatte schon mit so etwas gerechnet und deshalb ein Dutzend Handwerker mitgenommen. Jetzt ließ er Pfosten schlagen, in den Schlamm rammen und verankern.“ – Wait, what? Seft und Tem sind vor meinem inneren Auge zu zweit zum Fluss gelatscht, und auf einmal sind da zwölf Leute mehr, die Seft … aus seinem Rucksack zieht, oder wie? Das meine ich mit fehlenden Szenenbeschreibungen.
Wie historisch das alles ist, kann ich nicht wirklich beurteilen, in der Danksagung bedankt sich Follett jedenfalls bei einem ganzen Schwung historischer Berater. Trotzdem kam mir das alles etwas seltsam vor, dass da in Südengland auf einer Ebene, die in nur wenigen Tagesreisen durchquert werden kann, sich zwei so grundverschiedene Kulturen entwickelt haben sollen, die deutlich voneinander abgetrennt sind und wo die einen nur Ackerbau und die anderen nur Viehzucht betreiben, bei den einen Patriarchat herrscht, bei den anderen eher Gleichberechtigung – und dann noch das als Jäger und Sammler lebende Waldvolk, das eine komplett eigene Sprache spricht und wohl auch irgendwie anders aussieht …? Ich fand es ehrlich gesagt nicht sehr glaubhaft und habe das Ganze mehr als Fantasy gelesen als als historischen Roman.
Wie gesagt: Den Bau von Stonehenge und die Schwierigkeiten rundherum fand ich wirklich interessant und auch nett erzählt. Aber offensichtlich musste da drumherum noch ordentlich Füllmaterial rein, sonst wäre der Roman zu kurz geworden für einen Follett. Das Ding hat übrigens 668 Seiten, aber die Schrift ist so groß und hat so viel Spacing, dass das mehr aussieht, als es ist.
Follett ist ja auch berühmt für seine Sex- und Vergewaltigungsszenen (meine Eltern haben Seiten aus ihrem Exemplar von „Die Säulen der Erde“ rausgeschnitten, weil sie die Szenen nicht nochmal lesen wollten …). Letztere gab es hier nicht, jedenfalls nicht ausgebreitet erzählt, sondern nur angedeutet. Eine fiese Folterszene (eines Bösewichts … der allerdings zu dem Zeitpunkt auch erst etwa 15 war. 15!) habe ich nur überflogen, das war mir zu eklig, aber sonst war es OK. Sex gab es viel, aber auch nicht so, dass es mir irgendwie zu ausführlich gewesen wäre. Wirklich gefreut hat mich, dass auch ein Ken Follett heute nicht mehr nur Hetero-Beziehungen schreibt, sondern ganz selbstverständlich u.a. wie ich fand recht ansprechend erzählter lesbischer Sex vorkam. Noch begeisterter war ich, dass wir eine eindeutige Beschreibung von Demisexualität da drin haben. Es wird natürlich nicht so genannt, ist aber sehr klar und gut beschrieben.
Trotzdem – werde ich mehr von Ken Follett lesen? Ich denke eher nicht.
